Wer sich mit Astrologie beschäftigt, begegnet früher oder später zwei etwas märchenhaft klingenden Begriffen: Drachenkopf und Drachenschwanz. Gemeint sind damit der aufsteigende und der absteigende Mondknoten. Aber was haben die Mondknoten mit einem Drachen zu tun?
Die Antwort hat mit den eindrucksvollsten Himmelsereignissen überhaupt zu tun: Sonnen- und Mondfinsternissen.
Anders als Sonne, Mond oder Planeten sind die Mondknoten keine sichtbaren Himmelskörper. Es handelt sich um zwei mathematisch bestimmbare Punkte: Dort kreuzt die Bahn des Mondes die scheinbare Bahn der Sonne, die Ekliptik.
An der einen Stelle überquert der Mond die Ekliptik in nördlicher Richtung. Das ist der aufsteigende Mondknoten. Im Horoskop wird er durch ein Symbol angezeigt, das so ähnlich aussieht wie ein Kopfhörer (nicht zu verwechseln mit dem Symbol für Löwe). Genau gegenüber liegt der absteigende Mondknoten, an dem der Mond wieder auf die südliche Seite der Ekliptik wechselt (Symbol: umgedrehter Kopfhörer).
Diese beiden Punkte spielen nun bei Finsternissen eine entscheidende Rolle: Eine Sonnen- oder Mondfinsternis kann nur stattfinden, wenn sich Sonne und Mond gleichzeitig in der Nähe der Mondknoten befinden. Im Falle einer Sonnenfinsternis stehen von der Erde aus gesehen z. B. Sonne und Mond genau vor einander: Eine Finsternis entsteht, weil sich der Mond vor die Sonne schiebt.

Wenn die Lichter verschwinden
Für uns ist eine Finsternis ein astronomisch erklärbares Ereignis. In früheren Kulturen war das plötzliche Verschwinden oder die Verdunkelung von Sonne und Mond dagegen ein außergewöhnliches und häufig bedrohliches Zeichen.
Wie alt solche Vorstellungen sind, zeigt beispielsweise die mesopotamische Überlieferung: Sieben Dämonen umringen den Mondgott Sîn und verdunkeln ihn vollständig.
Von hier zum späteren Bild eines Drachen, der Sonne oder Mond verschlingt, ist es zumindest gedanklich kein großer Schritt. Mesopotamisches astronomisches und astrologisches Wissen wurde über Jahrhunderte weitergegeben und wirkte auch auf die persische Tradition ein.
Der kosmische Drache
In der spätantiken persischen Tradition gab es die Vorstellung des kosmischen Drachen Gōzihr, der mit den beiden Mondknoten und den Finsternissen verbunden wurde. Die beiden gegenüberliegenden Punkte konnten als Kopf und Schwanz des Drachen gedacht werden.
Das Bild passt gut zur Himmelsmechanik: Gerade dort, wo der unsichtbare Drache seinen Kopf und seinen Schwanz hat, können Sonne oder Mond verfinstert werden. Der Drache scheint die beiden großen „Lichter“ des Himmels zu verschlingen.
Damit wird auch verständlich, weshalb nicht einfach von zwei Knoten gesprochen wurde, sondern von zwei Teilen eines Wesens: Die Mondknoten liegen sich immer exakt gegenüber – Kopf und Schwanz markieren die beiden Enden derselben Drachenachse.
Die Reise des Drachen
Dieser Drache wurde zuerst von den Chaldäern als vor den Sternbildern und den Planeten geschaffen konzipiert und wachte mit dem Kopf über den Sonnenaufgang und seinen Schwanz zum Sonnenuntergang. Von dort aus gelangte das Bild des Drachen nach Persien und in die arabische astronomische und astrologische Tradition. Dort finden sich entsprechende Bezeichnungen für Kopf und Schwanz des Drachen.
Über die arabische Astrologie gelangte diese Terminologie schließlich auch in das lateinische Mittelalter. Dort wurden die Mondknoten als caput draconis – Kopf des Drachen
und cauda draconis – Schwanz des Drachen bezeichnet.
Auch in Indien wurden die Mondknoten, die dort Rahu und Ketu heißen, mit dem Verschlingen von Sonne und Mond bei Finsternissen verbunden. Dabei waren die astrologischen Traditionen der Antike keineswegs voneinander isoliert: Die indische Horoskopastrologie wurde stark von der hellenistischen Astrologie geprägt.
Der Drachenkopf und der Drachenschwanz sind also keine willkürlichen poetischen Namen. Hinter ihnen steckt eine jahrhundertealte Verbindung von Himmelsbeobachtung und Mythologie.
Wie sich die Bedeutung der Mondknoten wandelte
Während die Mondknoten in der antiken Astrologie eher als destabilisierende Faktoren galten, erhielten sie in der modernen westlichen Astrologie zunehmend eine psychologische und spirituelle Bedeutung. Sie werden hier auch viel positiver interpretiert.
In der Antike stand der aufsteigende Mondknoten ursprünglich für Vermehrung und Intensivierung. Genau darin liegt seine Ambivalenz: Er kann Wünsche, Ehrgeiz und materielle Erfolge fördern, zugleich aber auch Unruhe, Verwirrung und obsessive Begierden verstärken. Das alte Bild des Drachen passt gut dazu: Je mehr er bekommt, desto hungriger wird er. Der Drache in uns wird nicht satt. An dieser Stelle haben wir oft einen blinden Fleck und erkennen nicht, wann unsere Wünsche überhöht oder illusionär werden – und wir immer mehr wollen, obwohl das Erreichen unserer Ziele uns längst nicht mehr zufrieden macht.
Es geht also darum, zu erkennen, wo unsere Wünsche uns voranbringen, und wo sie überhöht oder illusionär werden. Die Kunst besteht darin, diese nie ganz zufriedene Wunschnatur zu erkennen und in Balance zu bringen. Insofern haben sie eine spirituelle Natur: Sie können uns helfen, von Wünschen abzulassen, die uns nicht gut tun.
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© Birgit von Borstel – Traditionelle Astrologie Akademie


