Blog der Akademie für Traditionelle Astrologie

Warum die traditionelle Astrologie keine Berufung kennt – und wie sie trotzdem im Horoskop sichtbar wird

Wenn Menschen in der astrologischen Beratung fragen: „Was ist meine Berufung?“ oder „Was ist meine Lebensaufgabe?“, meinen sie oft etwas sehr Grundsätzliches:
Welche Tätigkeit erfüllt mich wirklich?
Was ist der tiefere Sinn meines Lebens?
Wofür bin ich bestimmt?
Was soll ich verwirklichen?

Solche Fragen entstehen aus einem Weltbild, das stark von modernen Vorstellungen der Selbstverwirklichung beeinflusst ist und inzwischen zu einem weit verbreiteten Selbstverständnis geworden ist.
Die Vorstellung, dass jeder Mensch eine ganz persönliche Bestimmung finden und verwirklichen müsse, ist historisch betrachtet vergleichsweise jung und wurde vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägend.
Die traditionelle Astrologie denkt allerdings anders – zumindest in ihrer klassischen Form.

Was fragt die traditionelle Astrologie stattdessen?

Die traditionelle Astrologie arbeitet nicht mit dem Konzept einer kosmischen „Mission“. Sie fragt eher:
Was kann diese Person, wo liegen ihre natürlichen Begabungen und Fähigkeiten?
Welche Stärken und Schwächen zeigen sich? Wo gibt es Einschränkungen, wo Handlungsspielraum? Welche Hürden sind zu meistern, was hilft dabei?

Die traditionelle Astrologie beschreibt also eher Bedingungen, Dispositionen und Potenziale. Sie macht Aussagen darüber, wie jemand wirkt und wo sich etwas entfalten kann – aber nicht darüber, welchem höheren Sinn ein Leben dienen soll.

Vielleicht liegt genau darin ein wesentlicher Unterschied zur modernen astrologischen Sprache:
Die traditionelle Astrologie verspricht keine Selbstverwirklichung und formuliert keinen spirituellen Auftrag. Sie beschreibt Kräfte, Möglichkeiten, Grenzen und konkrete Lebensumstände – keine „Lebensaufgabe“. Allenfalls geht es darum, die eigenen Anlagen möglichst bewusst, verantwortungsvoll und im Sinne einer tugendhaften Lebensführung zu verwirklichen, wie es ein gelehrter antiker Astrologe vielleicht formuliert hätte.

Anders gesagt:
Traditionelle Astrologie zeigt, wofür eine Person ausgestattet ist, aber nicht, wofür sie „gesandt“ wurde.

Weisen Geburtsherrscher, Almuten oder Daimon nicht doch auf eine Bestimmung hin?

Nun stellt sich die Frage, ob die traditionelle Astrologie nicht doch Faktoren kennt, die auf eine Art innere Bestimmung oder geistige Ausrichtung hindeuten – etwa den Geburtsherrscher, den Almuten oder den Daimon.

Um es kurz zu sagen: Nein, auch diese Faktoren symbolisieren keine Berufung. Der Geburtsherrscher, der im Übrigen sehr unterschiedlich definiert werden kann, beschreibt eher vorherrschende Prägungen und Wesenszüge der Person. Der Almuten (der Begriff stammt aus dem Arabischen und bedeutet der „Siegreiche“) ist ein Planet mit der größten essentiellen Würde an bestimmten Graden des Tierkreises. Auch er beschreibt eine Prägung, symbolisiert ein vorherrschendes Lebensprinzip - aber er weist auf keine höhere Aufgabe hin.

Der Daimon ist vielleicht der Planet, der noch am ehesten eine in diesem Sinne spirituelle Natur hat. Seine Konzipierung entspricht ein wenig dem christlichen Schutzengel und ist von der neuplatonischen Idee der Seelenwanderung und dem angestrebten Aufstieg durch moralische Weiterentwicklung zur göttlichen Sphäre geprägt - etwas, das man wie eine Erlösung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten und Heimkehr der Seele zu ihrer Heimat in der Fixsternsphäre verstehen könnte. Der Daimon gilt dabei als eine Art innere Orientierungskraft, die helfen soll, auf dem richtigen Weg zu bleiben. Er ist der bestgestellte Planet im Horoskop und fungiert wie ein Ratgeber. Beispielsweise würde ein Saturn als Daimon in kritischen Situationen dazu mahnen, gut zu prüfen, realistisch zu bleiben und zu planen, was als Nächstes zu tun ist. Ein Jupiter-Daimon würde eher Vertrauen, Sinn oder Weitblick stärken.

Warum sich manche Konstellationen trotzdem wie „Berufung“ anfühlen

Und doch: es gibt einen interessanten Effekt, der dem Gefühl der Berufung recht nahe kommt. Wenn jemand beispielsweise sehr stark gestellte Planeten im 10. Haus hat, oder eine dominante Konstellation mit starken planetaren Würden, die in Verbindung mit Berufssignifikatoren steht, fühlt sich das oft wie „Berufung“ an.
Die Quellen beschreiben dies als erhöhte Handlungskraft und Ansehen. Solche Tätigkeiten werden oft mit großer Selbstverständlichkeit, Freude und auf hohem Niveau ausgeübt. Sie wirken beinahe mühelos – als wäre jemand „genau am richtigen Platz“. Vielleicht entsteht genau daraus jenes Gefühl, das heute häufig als Berufung bezeichnet wird.

© Birgit von Borstel – Traditionelle Astrologie Akademie

Bildquelle: Historische Illustration des "allsehenden Auges", das die die göttliche Vorsehung symbolisiert. (gemeinfrei)

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Birgit von Borstel

Kursleitung:

DAV-geprüfte Astrologin, studierte Philosophie, Psychologie und Musikwissenschaft in Hamburg. Zunächst in der Musikbranche im Marketing tätig, absolvierte sie nebenberuflich von 1999 bis 2002 eine Ausbildung in psychologischer Astrologie. Es folgten Weiterbildungen in traditioneller Astrologie. Seit 2006 arbeitet sie als Berufsastrologin in Berlin und unterrichtet seit 2007 Astrologie. Sie ist zudem als Heilpraktikerin für Psychotherapie qualifiziert.
2023 gründete sie die Online-Akademie für Traditionelle Astrologie; die hier angebotene Ausbildung ist seit 2022 DAV-zertifiziert. Aktuell studiert sie Geschichte und Religionswissenschaften mit Schwerpunkt Astrologiegeschichte.

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Birgit von Borstel
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