Blog der Akademie für Traditionelle Astrologie

Liebe, Sexualität und kosmische Ordnung – warum antike Astrologen so ausführlich über Beziehungen schrieben

Venus und Mars, Pompeji, 1. Jh. n. Chr.

In vielen antiken astrologischen Lehrbüchern – besonders der hellenistischen und spätantiken Tradition – nehmen Sexualität, Ehe, Begehren und die „sexuelle Natur“ eines Menschen einen auffallend großen Raum ein. Aus heutiger Perspektive wirken manche dieser Passagen beinahe obsessiv, voyeuristisch oder befremdlich detailliert. Tatsächlich hatte diese starke Fokussierung jedoch mehrere tiefere Gründe.

Denn Liebe und Partnerschaft waren in der Antike weit mehr als private Angelegenheiten. Astrologen beschäftigten sich mit Fragen wie:

Wird die Person heiraten – und wenn ja, wann?
Wird es mehrere Ehen geben?
Ist die Beziehung stabil oder konflikthaft?
Gibt es Untreue oder Affären?
Wie ist die sexuelle Disposition der Person?
Wird die Ehe Kinder hervorbringen?
Drohen Trennung, Verlust oder Witwenschaft?

Beziehungen waren in der Antike vor allem auch soziale Institutionen. Ehe regelte Besitz, Nachfolge, Status, Familienallianzen und wirtschaftliche Sicherheit.
Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass antike Astrologen Liebes- und Beziehungsthemen äußerst detailliert behandelten. Besonders eigenwillig aus heutiger Sicht erscheint dabei, wie ausführlich die Quellen sexuelle Vorlieben, Rollen und Verhaltensweisen beschreiben.

Der Hintergrund dafür liegt nicht zuletzt im Weltbild der antiken Astrologie selbst. Die astrologischen Systeme der Antike beruhen auf grundlegenden Polaritäten: männlich und weiblich, aktiv und passiv, heiß und kalt, trocken und feucht. Sexualität war daher nicht bloß ein Nebenthema, sondern Teil der kosmischen Ordnung. Astrologie verstand sich schließlich als Kunst, die Ordnung des Kosmos sichtbar zu machen – und menschliche Fruchtbarkeit, Begehren und sexuelle Dynamik gehörten aus dieser Sicht selbstverständlich dazu.

Dabei dachte die Antike allerdings nicht in modernen Kategorien wie:
heterosexuell, homosexuell, bi oder queer. Solche Identitätsbegriffe existierten in ihrer heutigen Form noch nicht.

Stattdessen stellte man andere Fragen:
Wer nimmt die aktive oder passive Rolle ein?
Wer überschreitet soziale Rollen?

In der griechisch-römischen Welt galt dabei nicht das Geschlecht des Partners als entscheidend, sondern vor allem Status und soziale Position. Von freien Männern wurde erwartet, die aktive und dominante Rolle einzunehmen, während passive Rollen häufig mit Unterordnung, Weiblichkeit oder Sklavenstatus verbunden wurden. Sklaven konnten ihren Herren sexuell dienen, ohne dass dies als Ausdruck einer „homosexuellen Identität“ verstanden wurde. Problematisch erschien aus antiker Sicht vielmehr, wenn ein freier Mann dauerhaft die passive Rolle einnahm und damit gegen die gesellschaftlichen Erwartungen männlicher Selbstkontrolle verstieß.

Gerade deshalb wirken viele astrologische Aussagen aus heutiger Perspektive zugleich extrem konkret und gleichzeitig merkwürdig fremd. Entscheidend war weniger das Geschlecht des Partners als vielmehr die soziale Rolle innerhalb der Beziehung und die Frage, ob jemand den kulturellen Erwartungen entsprach.

Die Dramatisierung als Stilmittel astrologischer Lehrbücher

Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Antike astrologische Lehrbücher liebten die Extreme. Viele Texte arbeiteten bewusst mit drastischen Formulierungen und ungewöhnlichen Beispielen. Das hatte mehrere Gründe. Die Autoren wollten prägnante Merksätze formulieren, seltene Konstellationen illustrieren, durch Sensationen Aufmerksamkeit erzeugen oder moralische Warnungen vermitteln.

Dadurch entsteht leicht der Eindruck, Sexualität sei ein Hauptthema der antiken Astrologie gewesen. Tatsächlich behandelten die Lehrbücher ebenso ausführlich Fragen zu Krankheit, Beruf, Kindern, Besitz oder politischem Schicksal. Doch die Kapitel über Beziehungen und Sexualität bleiben modernen Lesern naturgemäß besonders im Gedächtnis.

In der antiken Astrologie wurde Sexualität also weniger als private Identität verstanden denn als Ausdruck körperlicher, sozialer und kosmischer Ordnung.

Eine systematische Partnerschaftsanalyse im heutigen Sinn – insbesondere unter psychologischen Gesichtspunkten – gab es in der Antike allerdings noch nicht. Die moderne Vorstellung von Beziehung als Raum emotionaler Selbstverwirklichung ist historisch vergleichsweise jung.

Und dennoch lässt sich mit Hilfe der traditionellen Astrologie sehr gut untersuchen, welche Rolle Liebe und Beziehungen im Leben einer Person spielen, wie leicht oder schwer es ihr fällt, Bindungen einzugehen, welche Suchbilder wirksam sind und welche Herausforderungen auf dem Weg zu einer erfüllenden Partnerschaft bewältigt werden müssen.

Vielleicht liegt gerade darin die besondere Stärke der traditionellen Astrologie: Sie betrachtet Beziehungen nicht nur romantisch oder idealisiert, sondern als reale Dynamik zwischen Charakter, Lebensumständen, Bedürfnissen und Schicksal.

© Birgit von Borstel – Traditionelle Astrologie Akademie

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Birgit von Borstel

Kursleitung:

DAV-geprüfte Astrologin, studierte Philosophie, Psychologie und Musikwissenschaft in Hamburg. Zunächst in der Musikbranche im Marketing tätig, absolvierte sie nebenberuflich von 1999 bis 2002 eine Ausbildung in psychologischer Astrologie. Es folgten Weiterbildungen in traditioneller Astrologie. Seit 2006 arbeitet sie als Berufsastrologin in Berlin und unterrichtet seit 2007 Astrologie. Sie ist zudem als Heilpraktikerin für Psychotherapie qualifiziert.
2023 gründete sie die Online-Akademie für Traditionelle Astrologie; die hier angebotene Ausbildung ist seit 2022 DAV-zertifiziert. Aktuell studiert sie Geschichte und Religionswissenschaften mit Schwerpunkt Astrologiegeschichte.

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