Blog der Akademie für Traditionelle Astrologie

Astrologie im Mittelalter - Von Aberglauben zur Wissenschaft der Sterne

Schon im Mittelalter rangen Gelehrte, Theologen und einfache Menschen um die Frage: Was verraten uns die Sterne über unser Leben? Während manche Kirchenvertreter die Astrologie als gefährlichen Aberglauben verurteilten, sahen andere in ihr eine ernsthafte Wissenschaft, die die Wirkungen der Gestirne auf die Natur erklären konnte. Zwischen Misstrauen und Faszination entstand ein spannendes Kapitel europäischer Geistesgeschichte.

Astrologie zwischen Naturlehre und Magie

Im lateinisch-christlichen Europa des Hoch- und Spätmittelalters standen sich nicht einfach Astrologen und ihre Gegner gegenüber. Innerhalb der Astrologie selbst gab es unterschiedliche Strömungen. Universitätsgelehrte stützten sich auf Ptolemäus und verstanden Sterneneinflüsse als natürliche Wirkungen innerhalb der göttlichen Schöpfungsordnung. Daneben existierte eine astralmagische Tradition, die in Werken wie dem Picatrix Ausdruck fand und die Herstellung von Talismanen oder die Nutzung besonderer Planetenkonstellationen lehrte. Gerade diese Verbindung von Astrologie und Magie war für viele Theologen Anlass, astrologische Praktiken als Aberglauben oder dämonisch inspiriert zu verurteilen.

Dabei war die im heutigen Verständnis oft mit Astrologie verbundene Horoskopie im frühen Mittelalter des lateinischen Westens nur schwach belegt. Erst mit der Übersetzungsbewegung des 12. Jahrhunderts und der Wiederentdeckung antiker und arabischer Texte verbreitete sie sich erneut unter Gelehrten und an den Universitäten.

Mittelalterliches Tierkreisdiagramm
(aus einem engl. Lehrbuch für Mönche, 12. Jh. Quelle: Walters Art Museum / Public Domain (CC0))

Der Aufschwung im 12. Jahrhundert

Im 12. Jahrhundert änderte sich das Bild grundlegend. In den Übersetzerschulen von Orten wie Toledo gelangten zentrale Texte der Antike und des arabischen Mittelalters aus dem Arabischen ins Lateinische. Darunter war Ptolemaios’ Quadripartitum (auch bekannt als Tetrabiblos): Sein Werk war zwar in der Spätantike bekannt, im lateinischen Westen aber weitgehend verloren gegangen. Nun kehrte es – vermittelt über arabische Übersetzungen und Kommentare – in die Gelehrtenwelt zurück. Ebenso wichtig waren die Schriften des persischen Astrologen Albumasar (Abū Ma'shar), die erstmals ins Lateinische übertragen wurden.
Gleichzeitig entstanden in Bologna, Paris, Oxford und anderen Städten die ersten Universitäten Europas. Sie schufen einen neuen Rahmen für das gelehrte Wissen und förderten die Wiederentdeckung der aristotelischen Naturphilosophie. In diesem Umfeld entwickelte sich eine Astrologie, die die Einwirkungen der Gestirne als natürliche Ursachen innerhalb der göttlichen Schöpfungsordnung verstand. Sie wurde zunehmend als Teil der Naturlehre betrachtet und fand insbesondere in Astronomie, Medizin und Naturphilosophie ihren Platz.

Allerdings entstand keine einheitliche astrologische Tradition. Während Universitätsgelehrte die Astrologie als scientia naturalis – als Naturlehre – begründeten, zirkulierten zugleich Schriften, die astrologisches Wissen mit Talismanen, Ritualen und anderen Formen der Astralmagie verbanden. Die folgenden Gelehrten stehen exemplarisch für den naturphilosophischen Weg, der die Astrologie mit dem christlichen Weltbild zu vereinbaren suchte.

Albertus Magnus, Roger Bacon und Thomas von Aquin

Albertus Magnus, einer der wichtigsten Gelehrten des 13. Jahrhunderts, Dominikanermönch und späterer Kirchenheiliger, war stark von Aristoteles geprägt und gilt als einer der großen Vermittler des Aristotelismus im lateinischen Westen. In seiner Naturphilosophie übernahm er die Vorstellung, dass die Bewegungen der Himmelskörper natürliche Ursachen haben und auf die Welt unterhalb des Mondes einwirken. Damit machte er die Astrologie zu einem festen Bestandteil des wissenschaftlichen Lehrplans: Sie erklärte Klima, Jahreszeiten oder die Eigenschaften von Pflanzen und Mineralien – ganz im Sinne der aristotelischen Kausalität.

Sein Zeitgenosse Roger Bacon (ca. 1214–1292), ein englischer Franziskanermönch, griff die Unterscheidung zwischen einer natürlichen und einer abergläubischen Astrologie auf, die Isidor von Sevilla (ca. 560–636), Bischof, Kirchenlehrer und einer der einflussreichsten Gelehrten des frühen Mittelalters, im 7. Jahrhundert in seiner Enzyklopädie Etymologiae formuliert hatte. Diese hatte Isidor in seiner Enzyklopädie Etymologiae geprägt und damit das Verhältnis der Kirche zur Astrologie über Jahrhunderte bestimmt: astrologia naturalis – also die Beobachtung himmlischer Einflüsse auf Wetter, Medizin und Landwirtschaft – war erlaubt, während astrologia superstitiosa – etwa die Deutung der Persönlichkeit oder die Vorhersage individueller Schicksale – als Aberglauben galt. Bacon ging jedoch weit über Isidor hinaus – für ihn war die natürliche Astrologie nicht nur nützlich, sondern unverzichtbar. Mit ihrem Wissen könne man Wetter und Ernte besser verstehen, politische Entscheidungen beraten und sogar religiöse Entwicklungen deuten.

Auch Thomas von Aquin (1225–1274) lebte in diesem geistigen Umfeld. Er sicherte der Astrologie einen Platz im christlichen Weltbild. Zwar bestritt er, dass die Sterne den freien Willen bestimmten, doch er akzeptierte ihre Wirkung auf Körper und Seele. Entscheidend war seine Deutung der Himmelsbewegungen: Nicht die Gestirne selbst besaßen göttliche Macht, sondern sie wurden von Engeln bewegt – Dienern des göttlichen Willens. Damit entzog er der alten Anklage des Götzendienstes – der Verehrung falscher Götter, zu denen auch Sonne, Mond und Sterne gezählt wurden – die Grundlage und machte die Astrologie theologisch akzeptabel. Sie wurde so nicht länger als heidnische Sternenverehrung betrachtet, sondern als Teil der Schöpfungsordnung Gottes.

Albertus Magnus, Fresko (1352) in Treviso, Italien:
Bischof und Befürworter der Astrologie

Astrologie im mittelalterlichen Alltag

Neben den großen philosophischen Debatten spielte die Astrologie auch im Alltag eine wichtige Rolle – wenn auch in begrenzter Form. Da es den Buchdruck noch nicht gab und die meisten Menschen ohnehin weder lesen noch schreiben konnten, waren astrologische Handbücher selten. Sie wurden mühsam von Hand gefertigt, waren sehr teuer und daher fast ausschließlich für Spezialisten wie Ärzte, Gelehrte oder den Klerus bestimmt. Viele dieser Handschriften entstanden in Klöstern, Domschulen und später auch im Umfeld der Universitäten. Sie dienten Gelehrten, Ärzten und Klerikern als Arbeits- und Lehrmaterial, insbesondere für die astrologia naturalis - die von vielen Gelehrten und Kirchenvertretern als legitimer Teil der Naturlehre angesehen wurde.

Ein Bauer griff also nicht selbst zum Liber astronomiae des Guido Bonatti (13. Jh.), sondern wandte sich, wenn er es sich leisten konnte, an Ärzte, Gelehrte oder astrologisch geschulte Berater. Für Ärzte war es selbstverständlich, günstige Zeitpunkte für Behandlungen oder Operationen astrologisch zu bestimmen; Fürsten ließen Kriegszüge und politische Entscheidungen durch Hofastrologen berechnen.
Die meisten Ratsuchenden interessierten sich weniger für eine umfassende Deutung ihrer Persönlichkeit als für konkrete Fragen des Alltags: günstige Zeitpunkte für Reisen, Heiraten, medizinische Eingriffe oder politische Entscheidungen. Damit unterschied sich ein großer Teil der mittelalterlichen Praxis von vielen heutigen Formen der Astrologie, die stärker auf Charakterdeutung und Selbsterkenntnis ausgerichtet sind.

So blieb Astrologie im Mittelalter einerseits ein hoch spezialisiertes Wissensgebiet, andererseits prägte sie durch diese Experten auch den Alltag vieler Menschen. Der direkte Zugang war dabei meist dem Adel und dem wohlhabenden Bürgertum vorbehalten, während die Landbevölkerung meist nur indirekt mit astrologischen Vorstellungen in Berührung kam. 

Das Diagramm oben zeigt, wie sich die sieben damals bekannten Himmelskörper – Sonne, Mond und die fünf Planeten – durch den Tierkreis bewegen. Links stehen ihre Namen, oben die Tierkreiszeichen. Liest man die Grafik von links nach rechts, kann man verfolgen, welchen Weg jeder Himmelskörper nimmt und wie unterschiedlich lange er braucht, um den ganzen Tierkreis zu durchlaufen. Am unteren Rand sind außerdem die Abstände der Planeten vermerkt: einmal in musikalischen Intervallen wie Ton und Halbton, zum anderen als Bruchteile der Entfernung zwischen Erde und Mond.

Bildquelle: Walters Art Museum / Public Domain (CC0)

 

VGWort

Astrologie: Ausbildung

DAV Logo Ausbildungszentrum

vor. Zul zeichen neu 080422

Birgit von Borstel

Kursleitung:

DAV-geprüfte Astrologin, studierte Philosophie, Psychologie und Musikwissenschaft in Hamburg. Zunächst in der Musikbranche im Marketing tätig, absolvierte sie nebenberuflich von 1999 bis 2002 eine Ausbildung in psychologischer Astrologie. Es folgten Weiterbildungen in traditioneller Astrologie. Seit 2006 arbeitet sie als Berufsastrologin in Berlin und unterrichtet seit 2007 Astrologie. Sie ist zudem als Heilpraktikerin für Psychotherapie qualifiziert.
2023 gründete sie die Online-Akademie für Traditionelle Astrologie; die hier angebotene Ausbildung ist seit 2022 DAV-zertifiziert. Aktuell studiert sie Geschichte und Religionswissenschaften mit Schwerpunkt Astrologiegeschichte.

Anmeldung und Kontakt:

Birgit von Borstel
Traditionelle Astrologie

Meyerheimstraße 3
10439 Berlin

Tel.: 030-3156 9812
info@birgitvonborstel.de

Astrologische Beratung mit Traditioneller Astrologie

Zusätzlich zu den Kursen biete ich astrologische Beratungen an.
Weitere Informationen und Terminvereinbarungen findest du hier:
Beratungen - Birgit von Borstel

www.birgitvonborstel.de